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SaaS ist tot. Lang lebe SaaS.
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SaaS ist tot. Lang lebe SaaS.

Ulrich Diedrichsen
Ulrich Diedrichsen
8 Min. Lesezeit

Das alte SaaS mit 47 Menüpunkten und US-Cloud-Abhängigkeit hat ausgedient. Was kommt stattdessen? Solution-First und EU-First.

"SaaS ist tot."

Das höre ich gerade überall. Von VCs, von Tech-Analysten, von LinkedIn-Gurus.

Und wisst ihr was? Die haben Recht.

Das alte SaaS ist tot. Und ich sage: Gut so.


Was ist "altes SaaS"?

Ihr kennt es alle:

Das Feature-Monster. Software, die mit 47 Menüpunkten protzt, weil irgendein PM vor fünf Jahren entschieden hat, dass Feature-Count = Wert. Du willst einen Brief schreiben, aber erst musst du durch drei Untermenüs navigieren, das richtige Format auswählen, eine Vorlage finden — und dann stellst du fest, dass die Vorlage von 2019 ist und nicht mehr funktioniert.

Das Tutorial-Grab. Bevor du die Software benutzen kannst, musst du drei YouTube-Videos schauen, einen Onboarding-Wizard durchklicken und am besten noch einen Kurs kaufen. "Powerful" nennen sie das. Ich nenne es: schlecht designt.

Der Daten-Staubsauger. Deine Daten liegen auf US-Servern. "Aber der Server steht doch in Frankfurt!" — Ja, aber der Anbieter sitzt in den USA. US Cloud Act. Google it. (Oder besser: Duck-Duck-Go it.)

Das Preismodell-Labyrinth. Free Tier, Starter, Pro, Business, Enterprise, "Contact Sales". Und die eine Funktion, die du brauchst, ist natürlich im teuersten Tier.

Das ist das SaaS, das stirbt. Und es verdient es.


Was kommt stattdessen?

Ich sehe zwei fundamentale Shifts:

Shift 1: Solution-First statt Feature-First

Vor Jahren hörte ich mal vom Konzept des "Frauen-PCs".

Die These war simpel: Frauen wollen keine Funktionen. Frauen wollen Lösungen.

Bevor sich jemand aufregt: Das war damals Marketing-Sprech, und ja, das Framing ist problematisch. Aber der Kern der Idee ist brillant — und er gilt für alle Menschen, nicht nur für eine Geschlechtergruppe.

Warum muss ich:

  • Menü öffnen
  • "Neu" klicken
  • Format auswählen
  • Vorlage suchen
  • Felder ausfüllen
  • Formatierung anpassen
  • ...

Wenn ich einfach sagen könnte:

  • "Ich will einen Brief an meine Bank schreiben."

Das war vor 20 Jahren eine Vision. Science Fiction. Star Trek Computer.

2026 ist es technisch möglich. Die Technologie existiert. Wir nennen sie LLMs, AI Agents, Natural Language Interfaces.

Die Frage ist nicht mehr "ob", sondern "wer baut es richtig".

Solution-First bedeutet:

  • Der Nutzer sagt, was er erreichen will
  • Die Software findet den Weg
  • Features sind Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck

Shift 2: EU-First statt US-Default

Der zweite Shift ist politischer, aber genauso wichtig: Digitale Souveränität.

Ich baue gerade mein erstes eigenes SaaS-Produkt. Und ich habe mir eine Regel gesetzt:

🇪🇺 Alles muss EU-basiert oder EU-owned sein.

Warum?

Weil der US Cloud Act bedeutet, dass US-Behörden auf Daten zugreifen können — egal wo der Server physisch steht.

  • AWS Frankfurt? US-Jurisdiktion.
  • Google Cloud Belgium? US-Jurisdiktion.
  • Azure Netherlands? US-Jurisdiktion.

Das ist kein Verschwörungstheorie-Gerede. Das ist geltendes Recht. Und für europäische Unternehmen, die mit sensiblen Daten arbeiten, ist es ein echtes Problem.


Die EU-First Alternative

Die gute Nachricht: Es gibt mittlerweile für fast alles EU-basierte Alternativen. Man muss nur wissen, wo man sucht.

Cloud Hosting

US-DefaultEU-First Alternative
AWSHetzner 🇩🇪
Google CloudOVH 🇫🇷
AzureScaleway 🇫🇷
DigitalOceanIONOS 🇩🇪

Hetzner ist mein persönlicher Favorit. Deutsches Unternehmen, Rechenzentren in Deutschland und Finnland, exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein Cloud-Server kostet einen Bruchteil von AWS.

Datenbanken

PostgreSQL ist Open Source, battle-tested, und du kannst es überall hosten. Keine Vendor-Lock-in-Falle wie bei AWS Aurora oder Google Cloud SQL.

Caching

Valkey ist der community-getriebene Fork von Redis, nachdem Redis Labs die Lizenz geändert hat. Open Source, kein US-Unternehmen im Hintergrund.

AI / LLMs

Das ist der spannendste Bereich:

US-DefaultEU-First Alternative
OpenAIMistral 🇫🇷
AnthropicAleph Alpha 🇩🇪
GoogleSelf-hosted Llama

Mistral aus Paris liefert mittlerweile Modelle, die mit GPT-4 konkurrieren. Aleph Alpha aus Heidelberg fokussiert sich auf den Enterprise-Markt mit deutschem Datenschutz.

Für Embeddings (Vektor-Suche) gibt es sentence-transformers, die du komplett selbst hosten kannst. Keine Daten verlassen deinen Server.

Payments

Stripe hat mittlerweile eine EU-Entity, aber wer komplett EU-nativ bleiben will: Mollie aus den Niederlanden ist eine echte Alternative.

E-Mail

Mailjet (französisch, jetzt Teil von Sinch) oder komplett selbst gehostet mit Postfix.


Mein Projekt

Und was baue ich jetzt konkret?

Einen digitalen Butler.

Nicht noch ein Tool mit 200 Features, die niemand benutzt.

Sondern einen Agenten, der Probleme löst:

  • "Schreib eine Antwort auf diese E-Mail."
  • "Erinnere mich morgen an das Meeting."
  • "Fass dieses PDF für mich zusammen."

Für Freelancer, kleine Unternehmen — aber auch für ganz normale Menschen, die einfach weniger Zeit mit Software-Gefummel verbringen wollen.

Die Ironie: Das Projekt ist eigentlich nur für mich entstanden. Mein eigener Assistent. Dann kamen immer mehr Fragen aus meinem Umfeld:

"Kann ich das auch haben?"

Und ich so: "Ja klar, du musst nur folgende 123 Schritte ausführen..."

Schweigen im Walde. 😅

Also baue ich es jetzt so, dass andere es auch nutzen können. Ohne die 123 Schritte.

EU-gehostet. DSGVO by Design. Keine Daten in US-Clouds.


Das alte SaaS ist tot. Das neue SaaS spricht deine Sprache.

Die nächste Generation von Software wird nicht mehr fragen: "Welches Feature willst du nutzen?"

Sie wird fragen: "Was willst du erreichen?"

Und sie wird es auf Infrastruktur tun, die nicht unter US-Jurisdiktion steht.

Das ist kein Idealismus. Das ist die logische Konsequenz aus:

  • Besserer Technologie (LLMs, Agents)
  • Politischer Realität (Cloud Act, DSGVO)
  • Nutzer-Erwartungen (niemand hat Bock auf komplizierte Software)

Die Frage ist nicht, ob diese Zukunft kommt.

Die Frage ist, ob wir sie aus Europa heraus mitgestalten — oder ob wir wieder nur Zuschauer sind.

Ich habe mich entschieden.


Ressourcen

Wer sich für EU-First Tech interessiert:

  • Incus — Container-Management, der community-getriebene LXD-Fork
  • Mistral AI — Französisches AI-Unternehmen, starke Open-Source-Modelle
  • Hetzner — Deutsches Hosting, unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Aleph Alpha — Deutsche KI, fokussiert auf Enterprise und Datenschutz
  • Valkey — Redis-Fork, Open Source

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Ulrich Diedrichsen

AI Product Builder & Werkstatt-Betreiber

40 Jahre Software-Entwicklung. Ex-IBM, Ex-PwC. Baut jetzt mit AI echte Produkte in Hamburg.